Chabarowsk ist anders, als die uns nun bekannten sibirischen Städte. Schon die Einfahrt über die drei Kilometer lange doppelstöckige Amur Brücke in die Stadt beeindruckt. Noch jung, erst 150 Jahre alt, präsentiert sich die 600.000 Seelenmetropole, modern und aufgeräumt. Im Westen schmiegt sich der mächtige Amur wie ein blaues Seidenband an die Stadt. Hoch über dem Ufer thronen zwei prächtige, neuerbaute, orthodoxe Kathedralen. Das Zentrum ist hügelig und die Straßenverläufe, mit den Tramschienen in der Straßenmitte, erinnern ein wenig an San Franzisco. Am Steilhang zum Fluss und in den Stadttälern erstrecken sich weitläufige Parkanlagen mit Sporteinrichtungen, kleinen Seen, Blumenbeeten, Skulpturen und Brunnen. Das Straßennetz ist sehr gut ausgebaut und auch in Chabarowsk fehlt der übliche große Paradeplatz nicht. Die günstige geografische Lage beschert der Stadt unverkennbaren Reichtum.
Japanische und koreanische Investoren haben Chabarowsk als Tor zum Westen entdeckt und große Summen in Infrastruktur und Produktionsstätten investiert. Vor diesen Entdeckungen lag jedoch eine Hürde. Bei Temperaturen jenseits der 30° Marke, unerträglicher Luftfeuchtigkeit, stürmischem Wind und zunächst dichter Bewölkung, bot das klimatisierte Zimmer im Hotel „Intourist“ eine durchaus angenehme Alternative zu einem ausgedehnten Stadtrundgang. Tropische Witterung hatten wir in Sibirien nicht erwartet. Die Neugier siegte letztendlich über die wetterbedingte Trägheit.
Eine fotografische Herausforderung für mich war, die charakteristische hügelige Stadtlandschaft fotografisch umzusetzen. Dies gelang durch die perspektivische Verdichtung bei langer Telebrennweite ganz gut. Eine Freude bereitete mir am Abend die Hotelverwaltung, mit der Erlaubnis, ein paar Fotos vom Dach des 15. stöckigen Gebäudes zu schießen. Beeindruckende Stadtpanoramen konnte ich später, zu Hause am Rechner, aus den dort entstandenen Aufnahmen zusammenfügen. Eine letzte, leider unangenehme Überraschung bot Chabarowsk bei unserer Abreise. Die auf russischen Bahnhöfen üblichen fliegenden Händler fehlten hier gänzlich. Den Bahnhofskiosk suchten wir vergeblich und in erreichbarer Nähe war kein Supermarkt zu finden. So stiegen wir hungrig und ohne Reiseproviant zum letzten Mal auf dieser Reise in einen Zug der Transsibirischen Eisenbahn.
Zug Nr. 5 mit dem bezeichnenden Namen „Okean“ sollte uns über Nacht zum Ziel unserer Reise, die ca. 700 km südlich liegende Hafenstadt Wladiwostok bringen. Bis 1991 war diese Stadt für Touristen und auch für die meisten Russen verboten. Der wichtigste Stützpunkt der sowjetischen Pazifikflotte sollte weitgehend vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Unser Abendessen im Zugrestaurant war einfach, der mitgebrachte Hunger machte es gar schmackhaft, der Preis war angemessen. Unseren mittlerweile recht abgenutzten Reiseführer sprach Wladiwostok die Eigenschaft eines glamourösen Reiseziels ab, der Bahnhof sei das wohl beeindruckendste Bauwerk der Stadt, las ich vor dem Einschlafen.
Bei dichtem Nebel rollten wir am nächsten Vormittag im Bahnhof Wladiwostok ein. Tristesse, rostige Wellblechdächer über den Bahnsteigen, der Blick wanderte über marode Hafenanlagen zu Plattenbauten und uncharmanten Verwaltungsgebäuden. Im Hafen gleich neben dem Bahnhof dümpelten riesige graue Kriegsschiffe im grauen Wasser. Der Name „Goldenes Horn“, für diesen Zipfel der Welt, erschien mir in diesem Moment frei erfunden. 9288 km bis Moskau, war unschwer auf dem Denkmal für den Bau der Transsibirischen Eisenbahn zu lesen. Im Hintergrund stand eine ausgediente Dampflok. Das obligatorische Gruppenfoto vor dem Denkmal schoss ein freundlicher japanischer Tourist. Der Reiseführer hatte nicht unrecht, das Bahnhofsgebäude war tatsächlich eines der schönsten Gebäude der Stadt. Stilistisch erinnerte es an den Jaroslawler Bahnhof in Moskau, dem Ausgangspunkt unserer Bahnreise. Unser auf einer Anhöhe gelegenes Hotel versprach Pazifikblick aus allen Räumen - bei diesem Wetter ein Wunschtraum.
Den Nachmittag vertrieben wir uns in den Straßen der Stadt. Es war immer noch furchtbar heiß. In einer Kaufhausvitrine entdeckte ich endlich die Reisesouveniers nach denen ich schon seit Beginn der Reise Ausschau hielt. Eine offensichtlich funktionsfähige alte Zorki-4 (Kleinbildkamera mit Mischbildsucher) und ein perfekt erhaltenes MIR 24-N Objektiv (sehr solide gebaute russische Kleinbild Festbrennweite, 35mm f2.0, mit Nikon Bajonett). Für umgerechnet 80 € durfte ich die beiden Schätze mein Eigen nennen. Unter dem „Denkmal für die Kämpfer der Sowjetmacht im Russischen Fernen Osten“ fotografierte ich junge Pärchen beim füttern der Tauben. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes flackerte auf einem riesigen Flachbildschirm Werbung für japanische Autos, die lautstarke Unterstützung über die Lautsprecheranlage erfuhr, die wohl einst zur Untermalung militärischer Paraden installiert wurde. Mit einem Becher Kwas und gekauftem Gebäck machte ich es mir auf einer Bank bequem beobachtete das Treiben und lies die Zeit verstreichen. Dieser Ort mit seinen seltsamen unwirklichen Reizen eignete sich vorzüglich, noch einmal die Reise Revue passieren zu lassen. Ich war zufrieden.
Der nächste Tag sollte der längste meines Lebens werden. Morgens um Acht brachte uns ein Taxi zum Flughafen. Kein Fensterplatz im Großraumjet, der Flug über 7 Zeitzonen nach Moskau war langweilig, immerhin servierte man der jeweils aktuellen Tageszeit entsprechend zweimal ein Mittagessen. Zu gerne hätte ich noch einmal einen Blick von oben auf den Baikalsee geworfen. Auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo, quälende fünf Stunden Wartezeit auf den Weiterflug nach Berlin. 26 Stunden nach unserem Aufbruch im fernen Osten lag ich endlich in einem weichen Bett und schlief auch umgehend ein. Mehr als 6.000 Fotos habe ich auf dieser Reise mitgebracht. Die Aufbereitung dauerte eine ganze Weile. 400 Fotos habe ich zu einer Diashow verarbeitet, einen Teil der Bilder biete ich über Stockfotoagenturen zum Kauf an. Die Olympus E-420 habe ich behalten. Zusammen mit dem hervorragenden 25mm Pancake Objektiv, ist sie zu meinem ständigen Begleiter geworden. Beim Betrachten der Fotos überfällt mich jedes Mal das Fernweh. Ich werde wieder nach Sibirien fahren – im Winter, wenn der Baikal zugefroren ist. (Matthias Krüttgen/gh)
Teil 1 “Russland Four-Thirds - Mit der Olympus E420 von Moskau durch Sibirien nach Wladiwostok” finden Sie HIER.
Teil 2 “Russland Four-Thirds - Mit der Olympus E420 von Moskau durch Sibirien nach Wladiwostok” finden Sie HIER.
Teil 3 “Russland Four-Thirds - Mit der Olympus E420 von Moskau durch Sibirien nach Wladiwostok” finden Sie HIER.
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Januar 26th, 2009 at 12:39 am
Diesen Reisebericht habe ich sehr gerne gelesen und selber Lust auf eine solche Reise bekomme! Durchweg auch sehr gelungene Fotos, die Sie mit der Olympus aufgenommen haben.
H. Schaub
Januar 26th, 2009 at 11:01 pm
Ein unterhaltsamer und interessanter Reisebericht, der Lust auf eine Reise in die uns unbekannten Breiten macht…
LG Holger
Oktober 7th, 2009 at 12:20 pm
mensch matthias,
ein toller bericht. gut geschrieben und toll fotografiertich bin im geiste noch einmal mitgefahren.
gruß von christian
Oktober 7th, 2009 at 12:20 pm
mensch matthias,
vier tolle berichte. gut geschrieben und toll fotografiertich bin im geiste noch einmal mitgefahren.
gruß von christian