Haben Sie diesen Traum nicht auch schon einmal geträumt? Einmal im Leben mit der Transsibirischen Eisenbahn um die halbe Welt fahren? Den Stress des Alltags einfach zu Hause lassend, dieses scheinbar unendliche Land zu erkunden? Das pulsierende schrille Moskau erleben? Endlose Stunden aus dem Fenster eines fahrenden Zuges schauend ihre Arbeit vergessen?… Lesen Sie hier den vierten und letzten Teil des Reiseberichtes von Matthias Krüttgen.
Hinweis: Eine direkte Verlinkung zu Teil 1-3 dieses Reisebericht, finden Sie am Ende dieses Beitrags auf Seite 2.
Der wilde Osten
Der Abschied von Olchon viel mir schwer. Auf der uns schon bekannten, und wohl einzig möglichen Route wurden wir in einem Taxi zurück nach Irkutsk gefahren. Zeit zum Fotografieren hatte ich leider wieder nicht. Unser Fahrer sprach neben russisch auch recht gut französisch, zog aber während der rasanten Fahrt laute klassische Musik der Konversation vor. Es begann zu regnen, draußen jagte die Teigalandschaft vorüber und aus den Autolautsprechern erklang Schostakowitsch, eine merkwürdige Stimmung überfiel uns. Bei einer kurzen Erfrischungspause eröffnete uns Igor, der Chauffeur, unsere Fahrt sei nur bis zum Busbahnhof, vor den Toren von Irkutsk bezahlt. Für die Weiterfahrt bis zum Bahnhof im Stadtzentrum sei ein Aufschlag von 10% fällig. Zähneknirschend entrichteten wir den unerwarteten Aufpreis. Zum Glück war dies das einzige Vorkommnis dieser Art auf unserer Reise.
Obwohl wir nun schon drei Wochen unterwegs waren, lagen noch mehr als 4.000 km der Reisestrecke vor uns. Im Nachtzug überquerten wir das Hamar-Daban-Gebirge und erreichten im Morgengrauen die burjatische Hauptstadt Ulan-Ude. Es regnete, als uns unsere Gastfamilie am Bahnhof abholte. Es regnete immer noch, als wir drei Stunden später mit der Straßenbahn zu einer Stadtbesichtigung aufbrachen. Es war kein Vergnügen, bei 10° C und heftigem Dauerregen auf Entdeckungstour zu gehen. Am weltgrößten Lenindenkmal hasteten wir vorüber und flüchteten in ein Museum für Halbedelsteine. Die nächsten Fluchtpunkte waren ein Imbiss, ein Schuhgeschäft, eine Kirche und große Markthallen.
Der Niederschlag bekam derweil sinftflutartige Ausmaße. Die schmucke Fußgängerzone und weite Teile der Innenstadt waren überflutet. Geschäftsleute, Rentner und junge Frauen mit hochhackigen Schuhen versuchten, mit Regenschirmen bewaffnet, den Fluten zu entkommen. Autos schoben sich in Senken durch die Wassermassen. Ich hatte kaum Bedenken, bei dieser Gelegenheit die Wettertauglichkeit meiner Olympusausrüstung zu testen. Ein paar skurrile Schnappschüsse aus der Hüfte sind fast die einzigen fotografischen Erinnerungen, die ich aus Ulan-Ude mitgebracht habe. Aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse waren leider viele der Aufnahmen verwackelt – an dieser Stelle wären meine lichtstarken Nikon Objektive das Mittel der Wahl gewesen. Die Zeit vor dem Abendessen in einem exzellenten mongolischen Restaurant nutzte ich dazu, mein Fotoequipment mit einem Microfasertuch sorgfältig zu trocknen. Die Olympus E-420 hatte sich auch unter diesen widrigen Bedingungen tapfer geschlagen.
Schon am nächsten Vormitttag verließen wir Ulan-Ude. Auf der fast 3.000 km langen Bahnfahrt nach Chabarowsk hatten wir uns ein weiteres Mal bequeme Zweibettabteile gegönnt. Als wolle Ulan-Ude sich des Eindruckes der „Regenmetropole“ auf unserer Reise noch schnell entledigen, brachen bei der Abfahrt des Zuges Sonnenstrahlen durch die dicke Wolkendecke. Für weitere fünfzig Stunden war nun ein Zug, der auf der transsibirischen Eisenbahnstrecke einen großen Halbkreis um den Nordzipfel Chinas beschrieb, unser rollendes Zuhause. Die dünnbesiedelte ostsibirische Gebirgslandschaft beindruckte deutlich mehr als die eintönige westsibirische Tiefebene zu Beginn unserer Bahnreise. Immer wieder eröffneten sich aus unserem Abteilfenster grandiose Ausblicke auf wilde Flusstäler und weite hüglige, von Birkenwäldern unterbrochene Tundralandschaften.
Man kann sich nicht satt sehen an dieser Landschaft – riesige Bisonherden, ein durch das Unterholz streifender Sibirischer Tiger, ein Schneeleopard jagt Hirsche, ein Braunbär fängt Lachse im Fluss, die Umgebung passte – der Rest war leider nur Fantasie. Das größte wilde Tier, das wir sahen hatte die Größe eines Eichhörnchens. Die fotografischen Probleme indes waren exakt die gleichen wie in Westsibirien. Spiegelnde Doppelverglasung, schmutzige Fensterscheiben und die Bewegung des Zuges machten scharfe Landschaftsaufnahmen zur Glücksache. Im klimatisierten Zugabteil spürte man nichts und auch ein Blick in die Landschaft verriet kaum, dass es draußen immer heißer wurde, je weiter der Zug nach Osten vordrang.
Auf den Bahnsteigen schleppten Männer mit nackten Oberkörpern Kartons, die Zugbegleiterinnen schwitzten in ihren korrekten Uniformen. Wieder wurden an den Haltestellen alle denkbaren Lebensmittel und Getränke feilgeboten. Frische Blaubeeren und Kwas, ein verbreitetes kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk, das aus Wasser, Roggen und Malz hergestellt wird, waren meine Favoriten in der schwülen Hitze. Natürlich ließ ich keine Gelegenheit aus, interessantes sibirisches Bahnhofsleben auf meiner Speicherkarte zu bannen.
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Januar 26th, 2009 at 12:39 am
Diesen Reisebericht habe ich sehr gerne gelesen und selber Lust auf eine solche Reise bekomme! Durchweg auch sehr gelungene Fotos, die Sie mit der Olympus aufgenommen haben.
H. Schaub
Januar 26th, 2009 at 11:01 pm
Ein unterhaltsamer und interessanter Reisebericht, der Lust auf eine Reise in die uns unbekannten Breiten macht…
LG Holger
Oktober 7th, 2009 at 12:20 pm
mensch matthias,
ein toller bericht. gut geschrieben und toll fotografiertich bin im geiste noch einmal mitgefahren.
gruß von christian
Oktober 7th, 2009 at 12:20 pm
mensch matthias,
vier tolle berichte. gut geschrieben und toll fotografiertich bin im geiste noch einmal mitgefahren.
gruß von christian