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sibirischer-highway.jpgHaben Sie diesen Traum nicht auch schon einmal geträumt? Einmal im Leben mit der Transsibirischen Eisenbahn um die halbe Welt fahren? Den Stress des Alltags einfach zu Hause lassend, dieses scheinbar unendliche Land zu erkunden? Das pulsierende schrille Moskau erleben? Endlose Stunden aus dem Fenster eines fahrenden Zuges schauend ihre Arbeit vergessen?…(Matthias Krüttgen/gh)

Am Südufer des Baikal

Unser Aufenthalt in Irkutsk war nur sehr kurz. Die Zeit reichte gerade zu einem Spaziergang am Ufer der Angara, und einem gemeinsamen Abendessen bei unserer Gastfamilie. Früh am nächsten Tag wartete am Bahnhof ein Touristenzug, der uns über Sljudjanka auf der alten Bahntrasse direkt am Seeufer entlang nach Port Baikal bringen sollte. Zwar gibt es auf diesem heutzutage wirtschaftlich unbedeutenden Streckenabschnitt auch täglich eine fahrplanmäßige Zugverbindung, doch lockte der Touristenzug mit zusätzlichem Komfort und geplanten Fotostopps an lohnenden Stellen. Behäbig setzte sich der Zug, beladen mit 400 Touristen, bei dichter Bewölkung und Nieselregen im Morgengrauen in Bewegung.

touristenzug.jpgZwei Stunden später, der Zug näherte sich gerade Sljudjanka, einem Ort an der südöstlichen Spitze des Baikalsees, hatte der Wettergott ein Einsehen. Die nun aufgerissene Wolkendecke gab einen ersten majestätischen Blick auf den Baikalsee preis. Das war er also, das heilige Meer der Burjaten, das größte Süßwasserreservoir, der tiefste und älteste See der Erde, seit 1996 UNESCO Weltnaturerbe. In Sljudjanka machte der Zug Kopf und fuhr von nun an in die Gegenrichtung auf der eingleisigen Zweigstrecke entlang des Sees. Unzählige Tunnel und Brücken liegen auf dem Weg, vereinzelt kleine Dörfer, für die das Bahngleis, neben dem Weg über den See, die einzige Verbindung zur Außenwelt ist.

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An Fotomotiven mangelte es hier nicht, jedoch war schnelles Handeln das Gebot der Stunde, der Zug spie bei jedem Halt eine bunte Touristenschar in die Landschaft. Der Blick in die noch unberührte Natur war nur den Reisenden vergönnt, die den Zug zuerst verließen. Ein bedrückendes Industrialisierungszeichen begleitete uns an diesem Tag über viele Stunden. Der Blick auf die Rauchsäulen des gigantischen Papier- und Zellstoffkombinat Baikalsk, auch das „Monster vom Baikal“ genannt, am gegenüberliegenden Seeufer. Seit 1966 werden hier die schwer belastenden Abwässer der Industrie nahezu ungefiltert in den See geleitet, dessen Wasser sonst fast überall Trinkwasserqualität hat.

circumbaikalbahn.jpgNationale Proteste dagegen waren bisher verhalten, internationale Proteste erfolglos, da viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Gegen Abend erreichten wir Port Baikal. Früher, vor der Fertigstellung der Transbaikalbahn, war dies der bedeutendste Hafen am See. Von hier aus brachten zwei Dampffähren Eisenbahnwagons auf die östliche Seeseite zur Weiterfahrt Richtung Pazifik. Vom einstigen Glanz kündet lediglich eine etwas überdimensionierte, teilweise zerfallene Hafenanlage und zwei Dutzend Holzhäuser. Nördlich von Port Baikal fließt die Angara, als breiter Strom, aus dem Baikalsee. Ein kleines Fährboot brachte uns auf die gegenüberliegende Flussseite nach Listwjanka, wo wir für die kommende Nacht Quartier bezogen.

schamanenfels.jpgOmul und Edelweiß, Schamanenfels und Jugendherbergsstimmung auf Olchon

Viktor, unser Taxifahrer, hatte es offensichtlich eilig. Die Zeit für einen Tankstopp, sowie das Mittagessen an der Autobahn nördlich von Irkutsk, waren knapp bemessen und auch die durchschnittliche Geschwindigkeit, mit der er seinen japanischen Van bewegte, ließ darauf schließen. Für Fotostopps blieb keine Zeit – sehr schade, blauer Himmel mit kleinen Schönwetterwölkchen, eine grandiose Tundra-Landschaft, kleine Salzseen links und rechts der Straße und auch die Piste selbst, die schnurgerade die hügelige Landschaft teilt, waren lohnende Motive. Versuche, aus dem fahrenden Auto zu fotografieren scheiterten, zum einen an der hohen Geschwindigkeit, zum anderen an der zunehmenden Anzahl toter Insekten auf der Windschutzscheibe. Der Grund für Viktors Eile wurde später klar. Das letzte Drittel unseres Weges zur Baikalinsel Olchon ist nicht asphaltiert, auf der Insel selbst gibt es lediglich Schotterpisten und auch die Fährverbindung zur Insel hat Tücken. Mehrere Stunden Wartezeit sind keine Seltenheit, da nur 8 PKW auf das Schiff passen, kommt ein Linienbus; so hat dieser Vorrang und eine der beiden Ladeklappen war defekt. Dies hatte ein umständliches Rückwärtsmanövrieren beim Verlassen der Fähre zur Folge. So benötigen wir für die ca. 400 km lange Strecke von Listwjanka nach Chuschir auf Olchon letztendlich doch einen ganzen Tag.

tundra-und-salzseen.jpgOlchon ist die größte der Baikalinseln. Sie erstreckt sich entlang der Westküste über eine Länge von 72 km bei einer durchschnittlichen Breite von 10 km. Die höchste Erhebung ist mit 1.276 m der Berg Schima im Nordosten der Insel. Nur 1.500 Menschen, größtenteils burjatischer Abstammung, bevölkern das Eiland, die meisten leben im Hauptort Chuschir. Am Nordrand des Ortes betreibt der Russe Nikita Bentscharow ein internationales Touristen Camp. Obwohl zeitweise auf dem weitläufigen Gelände, sowie bei Gastfamilien, bis zu 400 Touristen eine Unterkunft finden, verfolgt Bentscharow ein nachhaltiges, natur- und kulturnahes, ökologisch sinnvolles Tourismuskonzept. Die Begegnung mit dem Baikalsee steht im Mittelpunkt, nicht dessen touristische Ausbeutung, entsprechend gestalten sich das Freizeitangebot und die Ausstattung der Unterkünfte. Lagerfeuer statt Disco, kulturelle Veranstaltungen statt exzessivem Alkoholkonsum, geführte Wanderungen statt Wasserski stehen auf dem Programm. Fließend Wasser gibt es im Camp nicht, die angebotene Verpflegung ist einfach aber schmackhaft. Kaffee und Tee bekommt man kostenlos zu jeder Zeit. Der mit Holzbänken und Blumenbeeten nett gestaltete Platz vor der Rezeption ist Ort der Begegnung. Überwiegend aus Europa, Japan und Australien kommen Touristen hierher und finden schnell interkulturellen Kontakt. Ein wenig Jugendherbergsstimmung stellte sich ein.

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Sieben Tage Ruhe auf Olchon, nach zwei Wochen Reise war dies der Urlaub im Urlaub, kein Wecker, kein Fahrplan, Zeit zur Muße, Zeit für die einzigartige Natur und natürlich Zeit zum Fotografieren, vielleicht auch Zeit für ein kurzes Bad in dem, auch im Sommer, eisigkalten See. Olchon ist ein Paradies für Naturfreunde. Ausgedehnte Graslandschaften im Südwesten, ein dicht bewaldeter Gebirgszug im Norden und im Osten, ein flacher schwefelhaltiger See in der Mitte der Insel, weite menschenleere Sandstrände im Wechsel mit schroff abfallenden Steilküstenabschnitten bieten reizvolle Abwechslung. Die Tier- und Pflanzenwelt hier ist im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig. Viele Arten sind endemisch, prominente Beispiele sind der Omul, ein lachsartiger, wohlschmeckender Speisefisch oder die Baikalrobbe, die einzige Robbenart, die im Süßwasser lebt. Bei Spaziergängen über die weiten Tundra Flächen entdeckt man Blumenwiesen mit Edelweiß, Enzian und Rittersporn. Seltene Flechten wachsen auf schneeweißen Quarzadern und vielleicht hat man auch das Glück, einen der seltenen Apollofalter zu sehen.


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2 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. Sim:

    Sljudjanka (Слюдянка) liegt an der südwestlichen, nicht südöstlichen Spitze des Baikalsees :-)

  2. Matthias Krüttgen:

    …aufmerksam gelesen, Sie haben recht - vielen Dank für den Hinweis

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